L0_B — Von der Zeit (B-Edition 1787)

Transscendentale Ästhetik · § 5–6

4) Die Zeit ist kein discursiver oder, wie man ihn nennt, allgemeiner Begriff, sondern eine reine Form der sinnlichen Anschauung. Verschiedene Zeiten sind nur Theile eben derselben Zeit. Auch würde sich der Satz, daß verschiedene Zeiten nicht zugleich sein können, aus einem allgemeinen Begriff nicht herleiten lassen. Der Satz ist synthetisch und kann aus Begriffen allein nicht entspringen.

5) Die Unendlichkeit der Zeit bedeutet nichts weiter, als daß alle bestimmte Größe der Zeit nur durch Einschränkungen einer einigen zum Grunde liegenden Zeit möglich sei.

– Seite 057 / 059 – Der Begriff der Veränderung und mit ihm der Begriff der Bewegung ist nur durch und in der Zeitvorstellung möglich. Wenn diese Vorstellung nicht Anschauung a priori wäre, könnte kein Begriff die Möglichkeit einer Veränderung begreiflich machen. Nur in der Zeit können beide contradictorisch entgegengesetzte Bestimmungen in einem Dinge, nämlich nach einander, anzutreffen sein.

a) Die Zeit ist nicht etwas, was für sich selbst bestände, oder den Dingen als objective Bestimmung anhinge. Dieses letztere findet dagegen sehr wohl statt, wenn die Zeit nichts als die subjective Bedingung ist, unter der alle Anschauungen in uns stattfinden können.

b) Die Zeit ist nichts anders als die Form des innern Sinnes, d. i. des Anschauens unserer selbst und unseres innern Zustandes.

– Seite 058 / 060 – Die Zeit kann keine Bestimmung äußerer Erscheinungen sein; sie gehört weder zu einer Gestalt, oder Lage etc.; dagegen bestimmt sie das Verhältniß der Vorstellungen in unserm innern Zustande. Wir stellen die Zeitfolge durch eine ins Unendliche fortgehende Linie vor, in welcher das Mannigfaltige eine Reihe ausmacht, die nur von einer Dimension ist. Hieraus erhellt auch, daß die Vorstellung der Zeit selbst Anschauung sei.

c) Die Zeit ist die formale Bedingung a priori aller Erscheinungen überhaupt. Weil alle Vorstellungen an sich selbst zum innern Zustande gehören, ist die Zeit eine Bedingung a priori von aller Erscheinung überhaupt.