© Norman Kemp Smith’s 1929 translation of Immanuel Kant’s Critique of Pure Reason.
Vermittelst des äußeren Sinnes (einer Eigenschaft unsres Gemüths)stellen wir uns Gegenstände als außer uns und diese insgesammt imRaume vor. Darin ist ihre Gestalt, Größe und Verhältniß gegen einanderbestimmt oder bestimmbar. Der innere Sinn, vermittelst dessen dasGemüth sich selbst oder seinen inneren Zustand anschauet, giebt zwar keineAnschauung von der Seele selbst als einem Object, allein es ist doch einebestimmte Form, unter der die Anschauung ihres innern Zustandes alleinmöglich ist, so daß alles, was zu den innern Bestimmungen gehört, inVerhältnissen der Zeit vorgestellt wird. Äußerlich kann die Zeit nicht ange-schaut werden, so wenig wie der Raum als etwas in uns. Was sindnun Raum und Zeit? Sind es wirkliche Wesen? Sind es zwar nur Bestimmungenoder auch Verhältnisse der Dinge, aber doch solche, welcheihnen auch an sich zukommen würden, wenn sie auch nicht angeschautwürden; oder sind sie solche, die nur an der Form der Anschauung alleinhaften und mithin an der subjectiven Beschaffenheit unseres Gemüths,ohne welche die Prädicate gar keinem Dinge beigelegt werden können?Um uns hierüber zu belehren, wollen wir zuerst den Raum betrachten.
1) Der Raum ist kein empirischer Begriff, der von äußeren Erfahrungenabgezogen worden. Denn damit gewisse Empfindungen auf etwasaußer mir bezogen werden (d. i. auf etwas in einem andern Orte desRaumes, als darin ich mich befinde), imgleichen damit ich sie als außereinander, mithin nicht blos verschieden, sondern als in verschiedenen Ortenvorstellen könne, dazu muß die Vorstellung des Raumes schon zum Grundeliegen. Demnach kann die Vorstellung des Raumes nicht aus den Verhältnissender äußern Erscheinung durch Erfahrung erborgt sein, sonderndiese äußere Erfahrung ist selbst nur durch gedachte Vorstellung allererstmöglich.
2) Der Raum ist eine nothwendige Vorstellung a priori, die allenäußeren Anschauungen zum Grunde liegt. Man kann sich niemals eineVorstellung davon machen, daß kein Raum sei, ob man sich gleich ganzwohl denken kann, daß keine Gegenstände darin angetroffen werden. Erwird also als die Bedingung der Möglichkeit der Erscheinungen und nichtals eine von ihnen abhängende Bestimmung angesehen und ist eine Vorstellunga priori, die nothwendiger weise äußeren Erscheinungen zumGrunde liegt.
3) Auf diese Nothwendigkeit a priori gründet sich die apodiktischeGewißheit aller geometrischen Grundsätze und die Möglichkeit ihrer Constructionena priori. Wäre nämlich diese Vorstellung des Raums eina posteriori erworbener Begriff, der aus der allgemeinen äußeren Erfahrunggeschöpft wäre, so würden die ersten Grundsätze der mathematischenBestimmung nichts als Wahrnehmungen sein. Sie hätten also alle Zufälligkeitder Wahrnehmung, und es wäre eben nicht nothwendig, daßzwischen zwei Punkten nur eine gerade Linie sei, sondern die Erfahrungwürde es so jederzeit lehren. Was von der Erfahrung entlehnt ist, hatauch nur comparative Allgemeinheit, nämlich durch Induction. Manwürde also nur sagen können: so viel zur Zeit noch bemerkt worden, istkein Raum gefunden worden, der mehr als drei Abmessungen hätte.
4) Der Raum ist kein discursiver oder, wie man sagt, allgemeinerBegriff von Verhältnissen der Dinge überhaupt, sondern eine reine Anschauung.Denn erstlich kann man sich nur einen einigen Raum vorstellen,und wenn man von vielen Räumen redet, so versteht man darunternur Theile eines und desselben alleinigen Raumes. Diese Theile könnenauch nicht vor dem einigen, allbefassenden Raume gleichsam als dessen Bestandtheile(daraus seine Zusammensetzung möglich sei) vorhergehen, sondernnur in ihm gedacht werden. Er ist wesentlich einig, das Mannigfaltigein ihm, mithin auch der allgemeine Begriff von Räumen überhauptberuht lediglich auf Einschränkungen. Hieraus folgt, daß in Ansehungseiner eine Anschauung a priori (die nicht empirisch ist) allen Begriffenvon demselben zum Grunde liege. So werden auch alle geometrischeGrundsätze, z. E. daß in einem Triangel zwei Seiten zusammen größersind als die dritte, niemals aus allgemeinen Begriffen von Linie undTriangel, sondern aus der Anschauung und zwar a priori mit apodiktischerGewißheit abgeleitet.
5) Der Raum wird als eine unendliche Größe gegeben vorgestellt.Ein allgemeiner Begriff vom Raum (der sowohl einem Fuße, als einerElle gemein ist) kann in Ansehung der Größe nichts bestimmen. Wärees nicht die Grenzenlosigkeit im Fortgange der Anschauung, so würde keinBegriff von Verhältnissen ein Principium der Unendlichkeit derselben beisich führen.