German B-Edition (1787): Von dem Raume — §2, §3 und die Schlüsse
Vermittelst des äußeren Sinnes (einer Eigenschaft unsres Gemüths)stellen wir uns Gegenstände als außer uns und diese insgesammt imRaume vor. Darin ist ihre Gestalt, Größe und Verhältniß gegen einanderbestimmt oder bestimmbar. Der innere Sinn, vermittelst dessendas Gemüth sich selbst oder seinen inneren Zustand anschauet, giebt zwarkeine Anschauung von der Seele selbst als einem Object; allein es ist docheine bestimmte Form, unter der die Anschauung ihres inneren Zustandesallein möglich ist, so daß alles, was zu den inneren Bestimmungen gehört,in Verhältnissen der Zeit vorgestellt wird. Äußerlich kann die Zeit nichtangeschaut werden, so wenig wie der Raum als etwas in uns. Was sindnun Raum und Zeit? Sind es wirkliche Wesen? Sind es zwar nur Bestimmungenoder auch Verhältnisse der Dinge, aber doch solche, welcheihnen auch an sich zukommen würden, wenn sie auch nicht angeschautwürden, oder sind sie solche, die nur an der Form der Anschauung alleinhaften und mithin an der subjectiven Beschaffenheit unseres Gemüths,ohne welche diese Prädicate gar keinem Dinge beigelegt werden können?Um uns hierüber zu belehren, wollen wir zuerst den Begriff des Raumeserörtern. Ich verstehe aber unter Erörterung (expositio) die deutliche(wenn gleich nicht ausführliche) Vorstellung dessen, was zu einem Begriffegehört; metaphysisch aber ist die Erörterung, wenn sie dasjenige enthält,was den Begriff als a priori gegeben darstellt.
1) Der Raum ist kein empirischer Begriff, der von äußeren Erfahrungenabgezogen worden. Denn damit gewisse Empfindungen auf etwasaußer mir bezogen werden (d. i. auf etwas in einem andern Orte desRaumes, als darin ich mich befinde), imgleichen damit ich sie als außerund neben einander, mithin nicht bloß verschieden, sondern als in verschiedenenOrten vorstellen könne, dazu muß die Vorstellung des Raumesschon zum Grunde liegen. Demnach kann die Vorstellung des Raumesnicht aus den Verhältnissen der äußern Erscheinung durch Erfahrung erborgtsein, sondern diese äußere Erfahrung ist selbst nur durch gedachteVorstellung allererst möglich.
2) Der Raum ist eine nothwendige Vorstellung a priori, die allenäußeren Anschauungen zum Grunde liegt. Man kann sich niemals eineVorstellung davon machen, daß kein Raum sei, ob man sich gleich ganzwohl denken kann, daß keine Gegenstände darin angetroffen werden. Erwird also als die Bedingung der Möglichkeit der Erscheinungen und nichtals eine von ihnen abhängende Bestimmung angesehen und ist eine Vorstellunga priori, die nothwendiger Weise äußeren Erscheinungen zumGrunde liegt.
3) Der Raum ist kein discursiver oder, wie man sagt, allgemeinerBegriff von Verhältnissen der Dinge überhaupt, sondern eine reine Anschauung.Denn erstlich kann man sich nur einen einigen Raum vorstellen,und wenn man von vielen Räumen redet, so versteht man darunternur Theile eines und desselben alleinigen Raumes. Diese Theile könnenauch nicht vor dem einigen allbefassenden Raume gleichsam als dessenBestandtheile (daraus seine Zusammensetzung möglich sei) vorhergehen,sondern nur in ihm gedacht werden. Er ist wesentlich einig, das Mannigfaltigein ihm, mithin auch der allgemeine Begriff von Räumen überhauptberuht lediglich auf Einschränkungen. Hieraus folgt, daß in Ansehungseiner eine Anschauung a priori (die nicht empirisch ist) allen Begriffenvon demselben zum Grunde liegt. So werden auch alle geometrischeGrundsätze, z. E. daß in einem Triangel zwei Seiten zusammengrößer sind, als die dritte, niemals aus allgemeinen Begriffen von Linieund Triangel, sondern aus der Anschauung und zwar a priori mit apodiktischerGewißheit abgeleitet.
4) Der Raum wird als eine unendliche gegebene Größe vorgestellt.Nun muß man zwar einen jeden Begriff als eine Vorstellung denken, diein einer unendlichen Menge von verschiedenen möglichen Vorstellungen(als ihr gemeinschaftliches Merkmal) enthalten ist, mithin diese unter sichenthält: aber kein Begriff als ein solcher kann so gedacht werden, als ober eine unendliche Menge von Vorstellungen in sich enthielte. Gleichwohlwird der Raum so gedacht (denn alle Theile des Raumes ins unendlichesind zugleich). Also ist die ursprüngliche Vorstellung vom Raume Anschauunga priori und nicht Begriff.
Ich verstehe unter einer transscendentalen Erörterung die Erklärungeines Begriffs als eines Princips, woraus die Möglichkeit anderersynthetischer Erkenntnisse a priori eingesehen werden kann. Zu dieserAbsicht wird erfordert: 1) daß wirklich dergleichen Erkenntnisse aus demgegebenen Begriffe herfließen, 2) daß diese Erkenntnisse nur unter derVoraussetzung einer gegebenen Erklärungsart dieses Begriffs möglich sind.Geometrie ist eine Wissenschaft, welche die Eigenschaften des Raumssynthetisch und doch a priori bestimmt. Was muß die Vorstellung desRaumes denn sein, damit eine solche Erkenntniß von ihm möglich sei? Ermuß ursprünglich Anschauung sein; denn aus einem bloßen Begriffe lassensich keine Sätze, die über den Begriff hinausgehen, ziehen, welches doch inder Geometrie geschieht (Einleitung V). Aber diese Anschauung mußa priori, d. i. vor aller Wahrnehmung eines Gegenstandes, in uns angetroffenwerden, mithin reine, nicht empirische Anschauung sein. Denn diegeometrischen Sätze sind insgesammt apodiktisch, d. i. mit dem Bewußtseinihrer Nothwendigkeit verbunden, z. B. der Raum hat nur drei Abmessungen;dergleichen Sätze aber können nicht empirische oder Erfahrungsurtheilesein, noch aus ihnen geschlossen werden (Einleit. II).Wie kann nun eine äußere Anschauung dem Gemüthe beiwohnen, dievor den Objecten selbst vorhergeht, und in welcher der Begriff der letzterena priori bestimmt werden kann? Offenbar nicht anders, als sofern siebloß im Subjecte, als die formale Beschaffenheit desselben von Objectenafficirt zu werden und dadurch unmittelbare Vorstellung derselben,d. i. Anschauung, zu bekommen, ihren Sitz hat, also nur als Form desäußeren Sinnes überhaupt.Also macht allein unsere Erklärung die Möglichkeit der Geometrieals einer synthetischen Erkenntniß a priori begreiflich. Eine jedeErklärungsart, die dieses nicht liefert, wenn sie gleich dem Anscheine nachmit ihr einige Ähnlichkeit hätte, kann an diesen Kennzeichen am sicherstenvon ihr unterschieden werden.
a) Der Raum stellt gar keine Eigenschaft irgend einiger Dinge ansich, oder sie in ihrem Verhältniß auf einander vor, d. i. keine Bestimmungderselben, die an Gegenständen selbst haftete, und welche bliebe, wenn manauch von allen subjectiven Bedingungen der Anschauung abstrahirte.Denn weder absolute, noch relative Bestimmungen können vor dem Daseinder Dinge, welchen sie zukommen, mithin nicht a priori angeschautwerden.
b) Der Raum ist nichts anders, als nur die Form aller Erscheinungenäußerer Sinne, d. i. die subjective Bedingung der Sinnlichkeit,unter der allein uns äußere Anschauung möglich ist. Weil nun die Receptivitätdes Subjects, von Gegenständen afficirt zu werden, nothwendigerWeise vor allen Anschauungen dieser Objecte vorhergeht, so läßt sichverstehen, wie die Form aller Erscheinungen vor allen wirklichen Wahrnehmungen,mithin a priori im Gemüthe gegeben sein könne, und wie sieals eine reine Anschauung, in der alle Gegenstände bestimmt werdenmüssen, Principien der Verhältnisse derselben vor aller Erfahrung enthaltenkönne.Wir können demnach nur aus dem Standpunkte eines Menschen vomRaum, von ausgedehnten Wesen etc. reden. Gehen wir von der subjectivenBedingung ab, unter welcher wir allein äußere Anschauung bekommenkönnen, so wie wir nämlich von den Gegenständen afficirt werdenmögen, so bedeutet die Vorstellung vom Raume gar nichts. Dieses Prädicatwird den Dingen nur in so fern beigelegt, als sie uns erscheinen,d. i. Gegenstände der Sinnlichkeit sind. Die beständige Form dieser Receptivität,welche wir Sinnlichkeit nennen, ist eine nothwendige Bedingungaller Verhältnisse, darin Gegenstände als außer uns angeschauet werden,und wenn man von diesen Gegenständen abstrahirt , eine reine Anschauung,welche den Namen Raum führt. Weil wir die besonderen Bedingungender Sinnlichkeit nicht zu Bedingungen der Möglichkeit der Sachen,sondern nur ihrer Erscheinungen machen können, so können wir wohlsagen, daß der Raum alle Dinge befasse, die uns äußerlich erscheinenmögen, aber nicht alle Dinge an sich selbst, sie mögen nun angeschautwerden oder nicht, oder auch von welchem Subject man wolle. Denn wirkönnen von den Anschauungen anderer denkenden Wesen gar nicht urtheilen,ob sie an die nämlichen Bedingungen gebunden seien, welche unsereAnschauung einschränken und für uns allgemein gültig sind. Wenn wirdie Einschränkung eines Urtheils zum Begriff des Subjects hinzufügen,so gilt das Urtheil alsdann unbedingt. Der Satz: Alle Dinge sind nebeneinander im Raum, gilt unter der Einschränkung, wenn diese Dinge alsGegenstände unserer sinnlichen Anschauung genommen werden. Füge ichhier die Bedingung zum Begriffe und sage: Alle Dinge als äußere Erscheinungensind neben einander im Raum, so gilt diese Regel allgemeinund ohne Einschränkung. Unsere Erörterungen lehren demnach die Realität(d. i. die objective Gültigkeit) des Raumes in Ansehung allesdessen, was äußerlich als Gegenstand uns vorkommen kann, aber zugleichdie Idealität des Raums in Ansehung der Dinge, wenn sie durch dieVernunft an sich selbst erwogen werden, d. i. ohne Rücksicht auf die Beschaffenheitunserer Sinnlichkeit zu nehmen. Wir behaupten also die empirischeRealität des Raumes (in Ansehung aller möglichen äußerenErfahrung), obzwar die transscendentale Idealität desselben, d. i.daß er Nichts sei, so bald wir die Bedingung der Möglichkeit aller Erfahrungweglassen und ihn als etwas, was den Dingen an sich selbst zumGrunde liegt, annehmen.Es giebt aber auch außer dem Raum keine andere subjective und aufetwas Äußeres bezogene Vorstellung, die a priori objectiv heißen könnte.Denn man kann von keiner derselben synthetische Sätze a priori, wie vonder Anschauung im Raume herleiten (§ 3). Daher ihnen, genau zu reden,gar keine Idealität zukommt, ob sie gleich darin mit der Vorstellung desRaumes übereinkommen, daß sie bloß zur subjectiven Beschaffenheit derSinnesart gehören, z. B. des Gesichts, Gehörs, Gefühls, durch die Empfindungender Farben, Töne und Wärme, die aber, weil sie bloß Empfindungenund nicht Anschauungen sind, an sich kein Object, am wenigstena priori erkennen lassen.Die Absicht dieser Anmerkung geht nur dahin: zu verhüten, daß mandie behauptete Idealität des Raumes nicht durch bei weitem unzulänglicheBeispiele zu erläutern sich einfallen lasse, da nämlich etwa Farben, Geschmacketc. mit Recht nicht als Beschaffenheiten der Dinge, sondern bloß alsVeränderungen unseres Subjects, die sogar bei verschiedenen Menschenverschieden sein können, betrachtet werden. Denn in diesem Falle gilt das,was ursprünglich selbst nur Erscheinung ist, z. B. eine Rose, im empirischenVerstande für ein Ding an sich selbst, welches doch jedem Auge inAnsehung der Farbe anders erscheinen kann. Dagegen ist der transscendentaleBegriff der Erscheinungen im Raume eine kritische Erinnerung,daß überhaupt nichts, was im Raume angeschaut wird, eine Sachean sich, noch daß der Raum eine Form der Dinge sei, die ihnen etwa ansich selbst eigen wäre, sondern daß uns die Gegenstände an sich gar nichtbekannt seien, und, was wir äußere Gegenstände nennen, nichts andersals bloße Vorstellungen unserer Sinnlichkeit seien, deren Form der Raumist, deren wahres Correlatum aber, d. i. das Ding an sich selbst, dadurchgar nicht erkannt wird, noch erkannt werden kann, nach welchem aber auchin der Erfahrung niemals gefragt wird.