§1. Einleitendes: Definitionen & die Unterscheidung von Form und Materie
2.1 Textdefinitionen (B-Auflage)
Kant legt das Vokabular der kritischen Philosophie gleich zu Beginn fest.
B34 / A20: Das Form-Materie-Argument
In der Erscheinung nenne ich das, was der Empfindung korrespondiert, die T: Materie derselben, dasjenige aber, welches macht, dass das Mannigfaltige der Erscheinung in gewissen Verhältnissen geordnet werden kann, nenne ich die T: Form der Erscheinung. Da das, worinnen sich die Empfindungen allein ordnen und in gewisse Form gestellt werden können, P: nicht selbst wiederum Empfindung sein kann, so ist uns zwar die Materie aller Erscheinung P: nur a posteriori gegeben, die Form derselben aber muss zu ihnen insgesamt C: im Gemüte a priori bereitliegen und daher C: abgesondert von aller Empfindung können betrachtet werden.
| Begriff | Kants Definition (paraphrasiert/zitiert) |
|---|---|
| Anschauung | Dasjenige, wodurch sich eine Erkenntnis unmittelbar auf Gegenstände bezieht. |
| Sinnlichkeit | Die Fähigkeit (Rezeptivität), Vorstellungen durch die Art, wie wir von Gegenständen affiziert werden, zu bekommen. |
| Empfindung | Die Wirkung eines Gegenstandes auf die Vorstellungsfähigkeit. |
| Erscheinung | Der unbestimmte Gegenstand einer empirischen Anschauung. |
| Materie | Das in der Erscheinung, was der Empfindung korrespondiert. |
| Form | Dasjenige, welches macht, dass das Mannigfaltige der Erscheinung geordnet werden kann. |
2.2 Rekonstruktion des Arguments: Der Vorrang der Form
Kant argumentiert: Während die Materie der Erscheinung (die Empfindung) a posteriori gegeben ist, muss die Form a priori sein.
- P1 (Materie): Die Materie korrespondiert der Empfindung, die einen Gegenstand erfordert, der uns affiziert (empirisch/a posteriori).
- P2 (Form): Die Form ist das Ordnungsprinzip, das es erlaubt, das Mannigfaltige der Erscheinung anzuordnen.
- P3 (Trennung): Das Gefäß (das Ordnungsprinzip) kann nicht dasselbe sein wie der Inhalt (die Empfindung).
- C1: Also ist die Form nicht Empfindung.
- C2: Da sie nicht empirisch ist (nicht durch Gegenstände gegeben), muss sie a priori im Gemüt bereitliegen.
2.3 ASPIC+-Logikvisualisierung
Wir visualisieren dieses Argument, einschließlich des Angriffs der „Untrennbarkeit“ und Kants Verteidigung durch den „logischen Vorrang“.
(Siehe Abbildung 1: ASPIC+-Rekonstruktion der Unterscheidung von Form und Materie)
2.4 Gelebte Anwendung: Die Leinwand der Erfahrung
Die Einsicht: Wir verwechseln oft den Inhalt unserer Erfahrung (was uns widerfährt) mit der Struktur, die wir ihm auferlegen (wie wir ihn aufnehmen).
- Szenario: Eine chaotische Arbeitsbesprechung.
- Materie (Empfindung): Der Lärm, die konkret gesprochenen Worte, der verärgerte Tonfall (von außen gegeben).
- Form (a priori): Der Rahmen aus „Professionalität“, „Zeitfenstern“ oder „Hierarchie“, den wir in die Besprechung mitbringen, um dem Lärm Sinn abzugewinnen.
- Anwendung: Die Materie (den Lärm) können wir nicht augenblicklich ändern, wohl aber die Form (unseren Deutungsrahmen) prüfen. Die Erkenntnis, dass die Form „in uns“ liegt, verleiht uns Handlungsfähigkeit.
