Die Schlussargumente der transzendentalen Ästhetik

Regenbogen im Sonnenlicht – Kants Beispiel für Erscheinung gegenüber Ding an sich

Mit §§7–8 hört Kant auf, neue Argumente vorzulegen, und beginnt, das Gezeigte zu verteidigen.
Er weiß, dass Leser sich dagegen sträuben werden, Raum und Zeit seien nur in uns. Also kommt er
vier Arten von Einwänden zuvor, erklärt, warum seine Auffassung die Welt nicht in Schein verwandelt,
und schließt mit einem einzigen präzisen Satz, der zur transzendentalen Logik überleitet.

Diese Abschnitte vollenden die transzendentale Ästhetik und legen fest, worum es in allem
Folgenden geht.

§7 – Der Einwand der Veränderungen (nur B-Auflage)

Der intuitivste Einwand gegen die Idealität der Zeit lautet:

Veränderungen sind wirklich. Ich kann die Außenwelt bezweifeln, aber nicht, dass meine
eigenen Vorstellungen sich verändern. Und Veränderung erfordert Zeit. Also ist die Zeit etwas Wirkliches.

Kants Antwort ist präzise und wichtig: Er räumt das Argument ein.

Die Zeit ist wirklich – als Form der inneren Anschauung. Sie hat subjektive Realität. Behauptet
wurde nie, die Zeit sei unwirklich. Behauptet wird, dass die Zeit kein Dasein hat
abgesehen von einem Subjekt, das zu innerer Anschauung fähig ist.

Prämisse des Einwands: Veränderungen sind unbestreitbar wirklich.

Kants Zugeständnis: Einverstanden. Veränderungen sind wirklich – als Erscheinungen in der Zeit.

Kants Unterscheidung: Wirklich als innere Form ≠ wirklich als Ding an sich.


§8 I – Was die transzendentale Ästhetik gesagt hat

ZENTRALE DEFINITIONEN AUS §8:

Begriff In einfachen Worten Kants Kernpunkt
Erscheinung
(engl. appearance)
Wie Gegenstände durch unsere Wahrnehmungsfilter aussehen. Alles, was wir anschauen, ist Erscheinung – nicht das Ding, wie es an sich selbst ist.
Ding an sich
(engl. thing-in-itself)
Was Gegenstände unabhängig von jedem Geist sind. Uns gänzlich unbekannt. Raum und Zeit gelten nicht für es.
Schein
(engl. illusion)
Ein falscher Anschein, der dem Gegenstand zugeschrieben wird, als wäre er dessen eigene Eigenschaft. Der transzendentale Idealismus macht Erscheinungen nicht zu bloßem Schein.
intuitus derivativus
(abgeleitete Anschauung)
Endliche Anschauung, die davon abhängt, von Gegenständen affiziert zu werden, um sie wahrzunehmen. Menschliche und alle endliche Anschauung – setzt voraus, dass Gegenstände zuerst existieren. Gegensatz: intuitus originarius (die ursprüngliche Anschauung Gottes).

Die Kernthese, die Kant zu Beginn von §8 wiederholt:

Alle unsre Anschauung ist nichts als die Vorstellung von Erscheinung; die Dinge,
die wir anschauen, sind nicht das an sich selbst, wofür wir sie anschauen.

Das bedeutet nicht, dass die Dinge unecht sind. Es bedeutet, dass die Form, in der uns die Dinge erscheinen
(Raum, Zeit, ihre Verhältnisse), zu uns gehört, nicht zu ihnen.

Das Argument gegen Leibniz

Visualisierung: Zwei Auffassungen vom Verhältnis der Sinnlichkeit zum Verstand

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Kants zentraler Vorwurf an Leibniz und Wolff:

Der Unterschied zwischen dem Sinnlichen und dem Intelligiblen ist nicht logisch
(verworren vs. klar), sondern transzendental – verschieden nach Ursprung und Inhalt.

Das ist entscheidend. Wäre der Unterschied bloß einer der Deutlichkeit:

  • dann ließe uns ein hinreichend genaues Mikroskop die Dinge sehen, wie sie an sich selbst sind
  • dann würde sich mathematische Erkenntnis auf empirische Beobachtung reduzieren
  • dann gäbe es keine prinzipielle Trennung zwischen Erscheinung und Ding an sich

Kant bestreitet alle drei Punkte. Hebt man die subjektive Form unserer Anschauung auf, so verschwindet der vorgestellte
Gegenstand – mit allen räumlichen und zeitlichen Eigenschaften, die ihm die Sinnlichkeit gab.

Das Geometrie-Argument

$$ \text{Geometrische Gewissheit} \;\Rightarrow\; \underbrace{\text{reine Anschauung a priori}}_{\text{der Raum muss unsere Form sein}} \;\because\; \text{bloße Begriffe} \not\Rightarrow \text{synthetische Sätze} $$

Das Argument verläuft so:

  1. Die Geometrie enthält synthetische Sätze a priori (z. B. die Winkelsumme im Dreieck, dass zwei
    parallele Linien sich nie schneiden).
  2. Solche Sätze können nicht aus bloßen Begriffen stammen – versuchen Sie, „zwei gerade
    Linien können keinen Raum einschließen“ aus dem Begriff einer geraden Linie abzuleiten. Es misslingt.
  3. Auch nicht aus empirischer Anschauung – Erfahrung liefert nur zufällige Häufigkeit, keine
    apodiktische Notwendigkeit.
  4. Also müssen sie aus reiner Anschauung a priori stammen.
  5. Reine Anschauung ist aber nur möglich, wenn der Raum die Form unserer Sinnlichkeit ist und keine
    Eigenschaft der Dinge an sich.
  6. Folglich: Raum (und Zeit) sind die subjektiven Bedingungen der äußeren (und inneren) Anschauung.

Dieses Argument macht die Theorie ungezweifelt gewiss, nicht bloß wahrscheinlich.

§8 II – Nur Verhältnisse (Erweiterung der B-Auflage)

Alles, was unsere Sinne liefern, besteht nur aus Verhältnissen:

  • Ort (Ausdehnung)
  • Veränderung des Ortes (Bewegung)
  • Gesetze der Veränderung (bewegende Kräfte)

Wir empfangen nie die innere Beschaffenheit des Dinges an dem Ort. Da der äußere Sinn
nur relationalen Inhalt gibt, kann er nur das Verhältnis eines Gegenstandes zum
Subjekt vorstellen – nicht die inneren Eigenschaften des Gegenstandes an sich.

Dasselbe gilt für den inneren Sinn: Die Zeit enthält nur die Verhältnisse der Aufeinanderfolge,
des Zugleichseins und der Dauer – nie die innere Natur des Gemüts selbst.

§8 III – Erscheinung ≠ Schein

Kant antwortet direkt auf den Vorwurf, seine Theorie mache die Welt traumartig:

Ich will nicht sagen, dass diese Gegenstände ein bloßer Schein wären. Denn in der
Erscheinung werden jederzeit die Objekte, ja selbst die Beschaffenheiten, die wir ihnen beilegen,
als etwas wirklich Gegebenes angesehen.

Die Unterscheidung ist scharf:

Erscheinung (engl. appearance) Schein (engl. illusion)
Eigenschaften gelten allgemein für alle menschlichen Sinne Eigenschaften, die fälschlich dem Gegenstand an sich zugeschrieben werden
Objektiv innerhalb des Feldes möglicher Erfahrung Subjektive Verwechslung, die sich als objektive Tatsache ausgibt
Die Röte der Rose gilt für alle Beobachter Die Henkel des Saturn (frühe Fehlbeobachtung)
Davon handelt Kants Theorie Das bestreitet Kant ausdrücklich

Behauptet man, Raum und Zeit müssten für Dinge an sich gelten, so gerät man in die echte
Ungereimtheit zweier unendlicher Undinge, die existieren müssen, selbst wenn nichts Wirkliches existiert –
und Berkeleys Schluss (Körper seien bloßer Schein) wird schwer vermeidbar.
Kants transzendentale Idealität von Raum und Zeit ist es, was das Abgleiten in
Berkeleys Schein verhindert, nicht was es hervorbringt.

§8 IV – Natürliche Theologie (B-Auflage)

Das kürzeste, aber schärfste Argument:

  • Die Theologie entfernt Zeit und Raum aus Gottes Erkenntnisart.
  • Wären Raum und Zeit objektive Bedingungen der Dinge an sich, so wären sie
    Bedingungen alles Existierenden – auch Gottes.
  • Das aber ist ungereimt: Gott kann nicht von abgeleiteten, sinnlichen Formen abhängig sein.
  • Also müssen Raum und Zeit subjektive Formen endlicher Sinnlichkeit sein, keine
    objektiven Eigenschaften der Welt.

Das sichert das Argument strukturell ab: Die Theorie ist nicht nur für Physik und
Mathematik erforderlich, sondern auch für eine kohärente Theologie. Es geht um intuitus derivativus (endlich, abhängig)
vs. intuitus originarius (ursprünglich, selbstbegründend) – die menschliche Anschauung gehört zur
ersteren.

Beschluss der transzendentalen Ästhetik

$$ \underbrace{\text{Raum} + \text{Zeit}}_{\text{reine Anschauungen a priori}} \;\;\Rightarrow\;\; \underbrace{\text{Synthetische Erkenntnis a priori}}_{\text{Geometrie, reine Mechanik möglich}} \;\;\text{aber nur für}\;\; \underbrace{\text{Mögliche Erfahrung}}_{\text{nicht Dinge an sich}} $$

Der Schlusssatz ist die Brücke zum gesamten Rest der Kritik:

Hier haben wir nun in den reinen Anschauungen a priori, Raum und Zeit, eines von den erforderlichen
Stücken zur Auflösung der allgemeinen Aufgabe der Transzendentalphilosophie:
Wie sind synthetische Sätze a priori möglich?

Raum und Zeit beantworten diese Frage für das Gebiet der Sinnlichkeit.
Die transzendentale Analytik wird sie für das Gebiet des Verstandes beantworten.