German A-Edition (1781): Von dem Raume — Erörterung und Schlüsse
Vermittelst des äußeren Sinnes (einer Eigenschaft unsres Gemüths)stellen wir uns Gegenstände als außer uns und diese insgesammt imRaume vor. Darin ist ihre Gestalt, Größe und Verhältniß gegen einanderbestimmt oder bestimmbar. Der innere Sinn, vermittelst dessen dasGemüth sich selbst oder seinen inneren Zustand anschauet, giebt zwar keineAnschauung von der Seele selbst als einem Object, allein es ist doch einebestimmte Form, unter der die Anschauung ihres innern Zustandes alleinmöglich ist, so daß alles, was zu den innern Bestimmungen gehört, inVerhältnissen der Zeit vorgestellt wird. Äußerlich kann die Zeit nicht angeschautwerden, so wenig wie der Raum als etwas in uns. Was sindnun Raum und Zeit? Sind es wirkliche Wesen? Sind es zwar nur Bestimmungenoder auch Verhältnisse der Dinge, aber doch solche, welcheihnen auch an sich zukommen würden, wenn sie auch nicht angeschautwürden; oder sind sie solche, die nur an der Form der Anschauung alleinhaften und mithin an der subjectiven Beschaffenheit unseres Gemüths,ohne welche die Prädicate gar keinem Dinge beigelegt werden können?Um uns hierüber zu belehren, wollen wir zuerst den Raum betrachten.
1) der Raum ist kein empirischer Begriff, der von äußeren Erfahrungenabgezogen worden. Denn damit gewisse Empfindungen auf etwasaußer mir bezogen werden (d. i. auf etwas in einem andern Orte desRaumes, als darin ich mich befinde), imgleichen damit ich sie als außereinander, mithin nicht blos verschieden, sondern als in verschiedenen Ortenvorstellen könne, dazu muß die Vorstellung des Raumes schon zum Grundeliegen. Demnach kann die Vorstellung des Raumes nicht aus den Verhältnissender äußern Erscheinung durch Erfahrung erborgt sein, sonderndiese äußere Erfahrung ist selbst nur durch gedachte Vorstellung allererstmöglich.
2) Der Raum ist eine nothwendige Vorstellung a priori, die allenäußeren Anschauungen zum Grunde liegt. Man kann sich niemals eineVorstellung davon machen, daß kein Raum sei, ob man sich gleich ganzwohl denken kann, daß keine Gegenstände darin angetroffen werden. Erwird also als die Bedingung der Möglichkeit der Erscheinungen und nichtals eine von ihnen abhängende Bestimmung angesehen und ist eine Vorstellunga priori, die nothwendiger weise äußeren Erscheinungen zumGrunde liegt.
3) Auf diese Nothwendigkeit a priori gründet sich die apodiktischeGewißheit aller geometrischen Grundsätze und die Möglichkeit ihrer Constructionena priori. Wäre nämlich diese Vorstellung des Raums eina posteriori erworbener Begriff, der aus der allgemeinen äußeren Erfahrunggeschöpft wäre, so würden die ersten Grundsätze der mathematischenBestimmung nichts als Wahrnehmungen sein. Sie hätten also alle Zufälligkeitder Wahrnehmung, und es wäre eben nicht nothwendig, daßzwischen zwei Punkten nur eine gerade Linie sei, sondern die Erfahrungwürde es so jederzeit lehren. Was von der Erfahrung entlehnt ist, hatauch nur comparative Allgemeinheit, nämlich durch Induction. Manwürde also nur sagen können: so viel zur Zeit noch bemerkt worden, istkein Raum gefunden worden, der mehr als drei Abmessungen hätte.
4) Der Raum ist kein discursiver oder, wie man sagt, allgemeinerBegriff von Verhältnissen der Dinge überhaupt, sondern eine reine Anschauung.Denn erstlich kann man sich nur einen einigen Raum vorstellen,und wenn man von vielen Räumen redet, so versteht man darunternur Theile eines und desselben alleinigen Raumes. Diese Theile könnenauch nicht vor dem einigen, allbefassenden Raume gleichsam als dessen Bestandtheile(daraus seine Zusammensetzung möglich sei) vorhergehen, sondernnur in ihm gedacht werden. Er ist wesentlich einig, das Mannigfaltigein ihm, mithin auch der allgemeine Begriff von Räumen überhauptberuht lediglich auf Einschränkungen. Hieraus folgt, daß in Ansehungseiner eine Anschauung a priori (die nicht empirisch ist) allen Begriffenvon demselben zum Grunde liege. So werden auch alle geometrischeGrundsätze, z. E. daß in einem Triangel zwei Seiten zusammen größersind als die dritte, niemals aus allgemeinen Begriffen von Linie undTriangel, sondern aus der Anschauung und zwar a priori mit apodiktischerGewißheit abgeleitet.
5) Der Raum wird als eine unendliche Größe gegeben vorgestellt.Ein allgemeiner Begriff vom Raum (der sowohl einem Fuße, als einerElle gemein ist) kann in Ansehung der Größe nichts bestimmen. Wärees nicht die Grenzenlosigkeit im Fortgange der Anschauung, so würde keinBegriff von Verhältnissen ein Principium der Unendlichkeit derselben beisich führen.
a) Der Raum stellt gar keine Eigenschaft irgend einiger Dinge ansich, oder sie in ihrem Verhältniß auf einander vor, d. i. keine Bestimmungderselben, die an Gegenständen selbst haftete, und welche bliebe, wennman auch von allen subjectiven Bedingungen der Anschauung abstrahirte.Denn weder absolute, noch relative Bestimmungen können vor dem Daseinder Dinge, welchen sie zukommen, mithin nicht a priori angeschaut werden.
b) Der Raum ist nichts anders, als nur die Form aller Erscheinungenäußerer Sinne, d. i. die subjective Bedingung der Sinnlichkeit,unter der allein uns äußere Anschauung möglich ist. Weil nun die Receptivitätdes Subjects, von Gegenständen afficirt zu werden, nothwendigerWeise vor allen Anschauungen dieser Objecte vorhergeht, so läßt sich verstehen,wie die Form aller Erscheinungen vor allen wirklichen Wahrnehmungen,mithin a priori im Gemüthe gegeben sein könne, und wie sie alseine reine Anschauung, in der alle Gegenstände bestimmt werden müssen,Principien der Verhältnisse derselben vor aller Erfahrung enthalten könne.Wir können demnach nur aus dem Standpunkte eines Menschenvom Raum, von ausgedehnten Wesen etc. reden. Gehen wir von der subjectivenBedingung ab, unter welcher wir allein äußere Anschauung bekommenkönnen, so wie wir nämlich von den Gegenständen afficiert werdenmögen, so bedeutet die Vorstellung vom Raume gar nichts. Dieses Prädicatwird den Dingen nur in so fern beigelegt, als sie uns erscheinen, d. i.Gegenstände der Sinnlichkeit sind. Die beständige Form dieser Receptivität,welche wir Sinnlichkeit nennen, ist eine nothwendige Bedingungaller Verhältnisse, darin Gegenstände als außer uns angeschauet werden,und wenn man von diesen Gegenständen abstrahirt, eine reine Anschauung,welche den Namen Raum führt. Weil wir die besonderen Bedingungender Sinnlichkeit nicht zu Bedingungen der Möglichkeit der Sachen, sondernnur ihrer Erscheinungen machen können, so können wir wohl sagen,daß der Raum alle Dinge befasse, die uns äußerlich erscheinen mögen,aber nicht alle Dinge an sich selbst, sie mögen nun angeschaut werden odernicht, oder auch von welchem Subject man wolle. Denn wir können vonden Anschauungen anderer denkenden Wesen gar nicht urtheilen, ob siean die nämlichen Bedingungen gebunden seien, welche unsere Anschauungeinschränken und für uns allgemein gültig sind. Wenn wir die Einschränkungeines Urtheils zum Begriff des Subjects hinzufügen, so giltdas Urtheil alsdann unbedingt. Der Satz: Alle Dinge sind neben einanderim Raum, gilt nur unter der Einschränkung, wenn diese Dinge alsGegenstände unserer sinnlichen Anschauung genommen werden. Füge ichhier die Bedingung zum Begriffe und sage: Alle Dinge als äußere Erscheinungensind neben einander im Raum, so gilt diese Regel allgemeinund ohne Einschränkung. Unsere Erörterungen lehren demnach die Realität(d. i. die objective Gültigkeit) des Raumes in Ansehung alles dessen,was äußerlich als Gegenstand uns vorkommen kann, aber zugleich dieIdealität des Raums in Ansehung der Dinge, wenn sie durch die Vernunftan sich selbst erwogen werden, d. i. ohne Rücksicht auf die Beschaffenheitunserer Sinnlichkeit zu nehmen. Wir behaupten also die empirischeRealität des Raumes (in Ansehung aller möglichen äußeren Erfahrung),obzwar zugleich die transscendentale Idealität desselben, d. i. daßer Nichts sei, so bald wir die Bedingung der Möglichkeit aller Erfahrungweglassen und ihn als etwas, was den Dingen an sich selbst zum Grundeliegt, annehmen.Es giebt aber auch außer dem Raum keine andere subjective undauf etwas äußeres bezogene Vorstellung, die a priori objectiv heißenkönnte; daher diese subjective Bedingung aller äußeren Erscheinungen mitkeiner andern kann verglichen werden. Der Wohlgeschmack eines Weinesgehört nicht zu den objectiven Bestimmungen des Weines, mithin eines Objectssogar als Erscheinung betrachtet, sondern zu der besondern Beschaffenheitdes Sinnes an dem Subjecte, was ihn genießt. Die Farben sind nichtBeschaffenheiten der Körper, deren Anschauung sie anhängen, sondernauch nur Modificationen des Sinnes des Gesichts, welches vom Lichte aufgewisse Weise afficirt wird. Dagegen gehört der Raum, als Bedingungäußerer Objecte, nothwendiger Weise zur Erscheinung oder Anschauungderselben. Geschmack und Farben sind gar nicht nothwendige Bedingungen,unter welchen die Gegenstände allein für uns Objecte der Sinne werdenkönnen. Sie sind nur als zufällig beigefügte Wirkungen der besondernOrganisation mit der Erscheinung verbunden. Daher sind sie auch keineVorstellungen a priori, sondern auf Empfindung, der Wohlgeschmack abersogar auf Gefühl (der Lust und Unlust) als einer Wirkung der Empfindunggegründet. Auch kann niemand a priori weder eine Vorstellung einerFarbe, noch irgend eines Geschmacks haben: der Raum aber betrifft nurdie reine Form der Anschauung, schließt also gar keine Empfindung(nichts Empirisches) in sich, und alle Arten und Bestimmungen desRaumes können und müssen sogar a priori vorgestellt werden können,wenn Begriffe der Gestalten sowohl, als Verhältnisse entstehen sollen.Durch denselben ist es allein möglich, daß Dinge für uns äußere Gegenständesind.Die Absicht dieser Anmerkung geht nur dahin, zu verhüten: daß mandie behauptete Idealität des Raumes nicht durch bei weitem unzulänglicheBeispiele zu erläutern sich einfallen lasse, da nämlich etwa Farben,Geschmack etc. mit Recht nicht als Beschaffenheiten der Dinge, sondernblos als Veränderungen unseres Subjects, die sogar bei verschiedenenMenschen verschieden sein können, betrachtet werden. Denn in diesemFalle gilt das, was ursprünglich selbst nur Erscheinung ist, z. B. eineRose, im empirischen Verstande für ein Ding an sich selbst, welches dochjedem Auge in Ansehung der Farbe anders erscheinen kann. Dagegen istder transscendentale Begriff der Erscheinungen im Raume eine kritischeErinnerung, daß überhaupt nichts, was im Raume angeschaut wird, eineSache an sich, noch daß der Raum eine Form der Dinge sei, die ihnenetwa an sich selbst eigen wäre, sondern daß uns die Gegenstände an sichgar nicht bekannt sind, und was wir äußere Gegenstände nennen, nichtsanders als bloße Vorstellungen unserer Sinnlichkeit sind, deren Form derRaum ist, deren wahres Correlatum aber, d. i. das Ding an sich selbst,dadurch gar nicht erkannt wird noch erkannt werden kann, nach welchemaber auch in der Erfahrung niemals gefragt wird.