Leeren Sie die Zeit. So viel können Sie tun – Sie können sich eine Zeitspanne vorstellen, in der nichts geschieht, und Kant sagt dasselbe: Man kann ganz wohl die Erscheinungen aus der Zeit wegnehmen. Versuchen Sie jetzt die andere Richtung. Versuchen Sie, die Zeit zu entfernen und den Rest zu behalten.
Sie bekommen nicht einmal den Versuch in Gang. Das Versuchen dauert einen Augenblick, dann noch einen. Das Bild, das Sie formen, formt sich nacheinander. Was immer Sie tun, um die Zeit loszuwerden, geschieht in ihr.
Beim letzten Mal haben wir dasselbe Experiment mit einem leeren Zimmer gemacht. Nehmen Sie die Möbel weg, das Gebäude, den Himmel, jeden Gegenstand im Universum – und der Raum weigert sich hartnäckig, mit ihnen zu gehen. Kant nahm dieses kleine Versagen der Vorstellungskraft als Hinweis und schloss, dass der Raum etwas ist, das Sie mitbringen, statt etwas, das Sie vorfinden. Hier ist die zweite der beiden Formen. Nicht die, in der Sie Dinge sehen. Die, in der Sie leben – und hier scheitert das Experiment noch gründlicher, denn bei der Zeit kommen Sie nicht einmal weit genug nach draußen, um es zu versuchen.
Und achten Sie darauf, warum das nicht bloß eine psychologische Marotte ist. Angenommen, Sie wollten behaupten, wir lernten die Zeit kennen, indem wir Dingen beim Geschehen zusehen – erst dies, dann das, und irgendwann abstrahieren wir die Vorstellung von „danach“. Kants Antwort ist einen Satz lang, und man kommt nur sehr schwer um sie herum: Sie hätten gar nicht bemerken können, dass eines nach dem anderen kam, wenn Sie nicht schon die Zeit gehabt hätten, um es darin zu bemerken. Aufeinanderfolge ist nichts, was die Wahrnehmung Ihnen überreicht. Sie ist die Gestalt, die die Wahrnehmung bereits hat.
Das ist die These, ganz unverblümt, bevor wir sie uns verdient haben: Die Zeit ist nichts, durch das Sie sich bewegen. Sie ist die Form, die Ihr eigenes Innenleben hat. Der Rest dieses Textes ist das Argument dafür.
Beim Raum war Kants großer Schachzug die Geometrie: Sie funktioniert, sie kann nicht aus der Erfahrung stammen, also ist der Raum etwas in Ihnen. Bei der Zeit hatte er einen kürzeren Weg, und er sagt das fast entschuldigend – den wichtigen Teil hatte er bereits in den früheren Argumenten untergebracht, also fügt er hier nur noch eine Sache hinzu.
Diese eine Sache ist die Veränderung.
Stellen Sie eine Tasse auf die linke Seite des Schreibtischs. Schieben Sie sie jetzt nach rechts. Etwas völlig Gewöhnliches ist geschehen, und wenn Sie es sorgfältig aufschreiben, ist es ein glatter Widerspruch:
Beispiel: Die Tasse, die da ist und nicht da ist
Die Tasse ist auf der linken Seite des Schreibtischs.
Die Tasse ist nicht auf der linken Seite des Schreibtischs.
Beides ist von derselben Tasse wahr. Zusammengenommen ist das keine schwierige Behauptung – es ist eine kaputte. Kein noch so langes Nachdenken über Tassen, Schreibtische oder Orte bringt sie in Ordnung, denn in keiner dieser Vorstellungen steckt etwas, das einem Ding erlaubt, dieselbe Eigenschaft zugleich zu haben und nicht zu haben.
Fügen Sie ein Wort hinzu, und es ist nicht nur repariert, sondern offensichtlich: nacheinander.
Das ist das ganze Argument, und es lohnt sich zu sehen, wie wenig es braucht. Kant sagt nicht, dass die Zeit Widersprüche erlaubt macht. Er sagt, dass die Aufeinanderfolge das Einzige auf der Welt ist, was gerade diesen auflöst – und Aufeinanderfolge kann man nicht aus einer Definition gewinnen. Aus keinem Begriff, welcher es auch sei, lässt sich „und dann“ ableiten. Das Vorher und Nachher müssen Sie schon haben, ausgebreitet, verfügbar, im Voraus.
Jedes Mal also, wenn sich irgendetwas bewegt – jedes fallen gelassene Glas, jede umgeblätterte Seite, die ganze Physik –, verlassen Sie sich auf etwas, das Sie nie gelernt haben. Kant nennt es die allgemeine Bewegungslehre, und sein Punkt ist, dass sie nur deshalb Sinn ergibt, weil die Zeit bereits da war, um ihr Sinn zu geben.
Ein Hinweis für alle, die die Originalspalten lesen: Diesen Abschnitt gibt es in der Auflage von 1781 nicht. Kant schrieb ihn sechs Jahre später. Das deutsche A-Panel geht direkt vom letzten nummerierten Argument zu den Schlüssen über, und es fehlt nichts – da war einfach noch nichts.
Hier sagt Kant, was die Zeit ist, und die Antwort lautet nicht „eine Dimension“ oder „ein Maß“. Die Zeit ist die Form des inneren Sinnes: die Gestalt, die Ihr eigenes Innenleben hat, wenn Sie es betrachten.
Das klingt abstrakt, bis Sie das Problem bemerken, das es schafft, und wie Kant damit umgeht.
Der Raum gibt Ihnen Gestalten. Zeigen Sie auf etwas, und Sie zeigen auf eine Figur mit Rändern, einer Größe, einer Lage. Der innere Sinn gibt Ihnen nichts dergleichen. Ihre Gedanken haben keinen Umriss. Ihre Stimmung hat keine bestimmte Form. Da ist nichts zum Ansehen – und doch gibt es offensichtlich eine Ordnung darin, eines nach dem anderen, den ganzen Tag.
Also schummeln wir. Kant sagt, wir ersetzen die fehlende Gestalt, indem wir uns eine borgen: Wir stellen uns die Zeit als eine ins Unendliche fortgehende Linie vor, eine einzige Reihe, nur eine Dimension. Sie haben das schon getan. Jeder hat das: der Zeitstrahl, die Kalenderleiste, der Balken, der sich füllt, während das Lied läuft. Wir denken über die Zeit nach, indem wir über diese Linie nachdenken.
Und dann fügt er den Satz hinzu, der die ganze Analogie ehrlich macht:
„… und aus den Eigenschaften dieser Linie auf alle Eigenschaften der Zeit schließen, außer dem einigen, dass die Teile der ersteren zugleich, die der letzteren aber jederzeit nacheinander sind.“
Lesen Sie das zweimal. Die Linie gibt uns alles – Ordnung, Richtung, eine Dimension, keine Lücken – außer dem einen Merkmal, das eine Linie zur Linie macht. Die Teile einer Linie sind alle auf einmal da. Deshalb können Sie sie sehen. Die Teile der Zeit sind nie alle auf einmal da; das macht sie zur Zeit. Das Bild funktioniert gerade deshalb, weil es das Wesentliche falsch wiedergibt.
Kant macht aus der Anleihe sogar einen Beleg. Wenn wir die Zeit zeichnen müssen, um über sie nachzudenken, und wenn sich jedes Verhältnis in der Zeit als Verhältnis in einem äußeren Bild darstellen lässt, dann ist die Vorstellung der Zeit überhaupt keine allgemeine Idee. Ideen brauchen keine Diagramme. Die Zeit braucht eines, weil sie etwas ist, das wir haben, nicht etwas, das wir definieren.
Der dritte Schluss ist der, den man mitnehmen sollte, und hier hören die beiden Hälften der Ästhetik auf, symmetrisch zu sein.
Der Raum, sagt Kant, ist die Form des äußeren Sinnes – und das ist eine echte Grenze. Vieles von dem, was Sie heute erleben, wird nirgendwo im Besonderen sein. Eine Sorge liegt nicht einen Meter weiter links. Ein Ohrwurm hat keine Koordinaten. Reue hat keine Größe. Der Raum regiert die Welt, die Sie betrachten, und die Welt, die Sie betrachten, ist nur ein Teil dessen, was es gibt.
Die Zeit hat keinen solchen Rand. Jede Vorstellung, die Sie haben – die über äußere Dinge und die über gar nichts Äußeres –, ist, wie Kant sagt, eine Bestimmung des Gemüts und gehört daher zu Ihrem inneren Zustand. Und Ihr innerer Zustand läuft in der Zeit. Also bekommt die Zeit alles: unmittelbar das ganze Innenleben und dann, auf demselben Weg, auch alles Äußere, denn ein Gebäude zu sehen ist ebenfalls etwas, das in Ihnen geschieht.
„Alle Erscheinungen überhaupt, d. i. alle Gegenstände der Sinne, sind in der Zeit und stehen notwendigerweise in Verhältnissen der Zeit.“
Aus einem Zimmer können Sie hinaustreten. Aus einem Augenblick können Sie nicht hinaustreten, und der Grund ist nicht, dass die Zeit sehr groß wäre. Der Grund ist, dass das Hinaustreten selbst Zeit brauchen würde. Es gibt keinen Aussichtspunkt, denn das Hinsehen ist aus demselben Stoff gemacht wie das, worauf man sieht.
Dann sagt Kant das, was immer wie ein Rückzieher klingt und keiner ist. Die Zeit ist empirisch real: Nichts wird Ihnen je gegeben werden, das ihr entgeht, kein einziger Gegenstand, niemals. Und die Zeit ist transzendental ideal: Ziehen Sie die Bedingungen davon ab, dass Sie überhaupt Erfahrung haben, fragen Sie, was die Zeit abgesehen von jedem möglichen Erfahrenden ist, und die Antwort lautet: nichts. Kein langsamer Fluss. Keine leere Bühne. Nichts.
Wie beim Raum achtet er auch hier darauf, die billige Version davon zu verbauen. Es geht nicht darum, dass die Zeit sich „schneller anfühlt, wenn man beschäftigt ist“. Farben und Geschmäcke sind in diesem gewöhnlichen Sinne subjektiv, und Kant weist die Analogie ausdrücklich zurück – das sind private Abweichungen an einem Gegenstand, dessen Dasein bereits vorausgesetzt wird. Seine These liegt ein Stockwerk tiefer: nicht, dass Ihr Ablesen der Uhr Ihnen gehört, sondern dass es überhaupt eine Uhr-Ordnung gibt.
Das landet an einem seltsam beruhigenden Ort. Dass Sie ein Leben haben, das nacheinander geschieht – dies, dann das, und es lässt sich nicht rückgängig machen –, ist keine Tatsache über das Universum, in der Sie zufällig gefangen sind. Es ist die Form Ihrer eigenen Sinnlichkeit. Und genau deshalb wird nichts, was Ihnen je widerfährt, außerhalb davon liegen.
Als Nächstes: Kant hat den Einwand gehört. Aber Veränderungen sind wirklich – ich kann zusehen, wie sich meine eigenen Vorstellungen verändern, also muss die Zeit mehr sein als eine Form, die zu mir gehört. §7 ist seine Antwort, und in §8 hört er auf, für den transzendentalen Idealismus zu argumentieren, und beginnt, ihn zu verteidigen.
Der zweite Abschnitt der transzendentalen Ästhetik vollständig: die fünf Argumente dafür, dass die Zeit eine Anschauung a priori ist, die vier Sätze lange transzendentale Erörterung, die Kant 1787 hinzufügte, und die drei Schlüsse, die die Zeit zur Bedingung von allem machen – nicht nur der Welt außer Ihnen. Wo sich die Auflagen von 1781 und 1787 unterscheiden, werden beide dargestellt.
Der zweite Beitrag behandelte die erste der beiden reinen Formen sinnlicher Anschauung bei Kant. Dies ist die zweite, und sie lässt dieselbe Maschinerie über einen anderen Begriff laufen: eine metaphysische Erörterung, die fragt Was für eine Vorstellung ist das?, dann eine transzendentale Erörterung, die fragt Was macht es möglich, sie zu haben?, dann die Schlüsse. Beide Begriffe wurden im zweiten Beitrag definiert; sie werden hier nicht erneut definiert.
Eines ist von Anfang an anders. Der erste Abschnitt begann mit einem einleitenden Absatz – äußerer Sinn, innerer Sinn und Kants Frage Was sind nun Raum und Zeit? Der zweite Abschnitt hat überhaupt keine Vorrede. Die Überschrift endet, und Argument 1 beginnt.
| # | These | Der Schritt | Begründet |
|---|---|---|---|
| 1 | Die Zeit ist kein empirischer Begriff, der irgend von einer Erfahrung abgezogen worden | Um zu bemerken, dass zwei Dinge zugleich sind oder dass eines auf das andere folgte, muss man die Zeit bereits haben. Weder Zugleichsein noch Aufeinanderfolgen würde sonst „in die Wahrnehmung kommen“. Die Zeit ist also kein Ergebnis der Erfahrung – sie ist das, was der Erfahrung eine Ordnung gibt. | a priori |
| 2 | Die Zeit ist eine notwendige Vorstellung, die allen Anschauungen zum Grunde liegt | Man kann die Erscheinungen aus der Zeit wegnehmen – die Zeit als leer denken. Man kann die Zeit nicht aus den Erscheinungen wegnehmen. Diese können allesamt wegfallen; die Zeit kann nicht aufgehoben werden. | a priori |
| 3 | Auf dieser Notwendigkeit gründen sich die apodiktischen Grundsätze der Zeit | Die Zeit hat nur eine Dimension. Verschiedene Zeiten sind nicht zugleich, sondern nacheinander. Erfahrung könnte immer nur berichten, was bisher beobachtet wurde; „es muss so sein“ kann sie nicht liefern. Diese Grundsätze sind Regeln, die Erfahrung möglich machen, und sie „belehren uns vor derselben und nicht durch dieselbe“. | a priori |
| 4 | Die Zeit ist kein diskursiver Begriff, sondern eine reine Form der sinnlichen Anschauung | Verschiedene Zeiten sind keine Instanzen der Zeit – sie sind Teile eben derselben Zeit. Eine Vorstellung, die nur durch einen einzigen Gegenstand gegeben werden kann, ist Anschauung. Und „verschiedene Zeiten können nicht zugleich sein“ ist ein synthetischer Satz, er lässt sich also nicht aus Begriffen herauspressen. | Anschauung |
| 5 | Die Unendlichkeit der Zeit | Jede bestimmte Zeitstrecke ist eine Einschränkung einer einzigen zugrunde liegenden Zeit – also muss die ursprüngliche Vorstellung als uneingeschränkt gegeben sein. Begriffe enthalten nur Teilvorstellungen; ein Ganzes, das vor seinen Teilen gegeben ist, kann kein Begriff sein. | Anschauung |
Drei Argumente für a priori, zwei für Anschauung. Die Arbeitsteilung ist dieselbe wie im Abschnitt über den Raum, der zwei und zwei hatte.
Lesen Sie Argument 3 noch einmal und achten Sie darauf, was es eigentlich ist: die Behauptung, dass es einen Bestand notwendiger, nicht-empirischer Erkenntnis über die Zeit gibt. Genau das ist die Art Tatsache, die eine transzendentale Erörterung erklären soll – und Kant hat sie hier eingefügt, in der metaphysischen Erörterung, statt sie aufzusparen. Er räumt das in §5 ein, und deshalb ist §5 nur vier Sätze lang. Behalten Sie das bis zum nächsten Abschnitt im Kopf.
Für den Raum war §3 eine Seite und eine ganze eigene Wissenschaft: Die Geometrie funktioniert, also muss der Raum eine reine Anschauung sein. Für die Zeit lehnt Kant es gleich zu Beginn ab, das noch einmal zu tun.
„Ich kann mich desfalls auf Nr. 3 berufen, wo ich, um kurz zu sein, das, was eigentlich transzendental ist, unter die Artikel der metaphysischen Erörterung gesetzt habe.“
Die transzendentale Arbeit ist bereits getan – die Grundsätze der Zeit sind die synthetische Erkenntnis a priori, die einer Erklärung bedarf. Also fügt §5 genau einen neuen Punkt hinzu, und zwar einen seltsamen und mächtigen: die Veränderung.
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flowchart TD
A["Veränderung ist wirklich
ein Ding wird, was es nicht war"] --> D["Sich verändern heißt
KONTRADIKTORISCHE Prädikate
in einem und demselben Gegenstand verbinden"]
D --> X["Sein an einem Ort
UND
Nichtsein an eben demselben Ort"]
X -->|"als bloße Verbindung
ist das ein glatter Widerspruch"| N["Kein Begriff, welcher es auch sei,
kann Veränderung begreiflich machen"]
X -->|"setzt man aber beide
NACHEINANDER"| T["so können beide
in demselben Ding angetroffen werden"]
T --> I["Die Folge ist nicht durch einen Begriff gegeben.
Sie ist nur in der
ANSCHAUUNG DER ZEIT A PRIORI gegeben"]
N --> I
I --> C["Also erklärt der Begriff der Zeit
die Möglichkeit der allgemeinen
Bewegungslehre"]
Der Angelpunkt ist die Wendung nach einander. Kant meint nicht, dass die Zeit Widersprüche akzeptabel macht; er meint, dass die Aufeinanderfolge das Einzige ist, was gerade diesen auflöst, und Aufeinanderfolge kann kein Begriff liefern. Bewegung – Veränderung des Ortes – ist dann einfach der augenfälligste Fall, weshalb die Bewegungslehre daraus hervorgeht.
Dieser Abschnitt fehlt in der Auflage von 1781 – er hat eine B-Paginierung (B48–B49) und überhaupt keine A-Paginierung, weil es keinen A-Text zu paginieren gibt, und in den E0-Panels läuft die deutsche A-Spalte von Argument 5 direkt in die Schlüsse. Seien Sie aber genau darin, was neu ist. Der Abschnitt ist neu, die Überschrift ist neu, und das Argument von Veränderung und Bewegung ist neu; das Wort Veränderung kommt im Zeitabschnitt von A vor der Erläuterung nirgends vor. Das Material jedoch, auf das Kant zurückverweist – Argument 3, die Grundsätze der Zeit, der Teil, den er „eigentlich transzendental“ nennt –, stand bereits 1781 in A, Wort für Wort. B hat hier keinen transzendentalen Gehalt hinzugefügt. Es hat ihm einen Namen und einen weiteren Fall gegeben.
Zwei Kandidaten liegen auf dem Tisch, und (a) schließt beide aus: die Zeit als etwas für sich selbst Bestehendes (Newtons absolute Zeit, die in einem leeren Universum weiterliefe) und die Zeit als etwas, das den Dingen anhängt, als objektive Bestimmung oder Ordnung (Leibniz’ relationale Zeit).
P1. Wäre die Zeit für sich selbst bestehend, so wäre sie „etwas, was ohne wirklichen Gegenstand dennoch wirklich wäre“ – wirklich, ohne etwas zu sein.
P2. Wäre die Zeit eine den Dingen anhängende Bestimmung oder Ordnung, so könnte sie diesen Dingen nicht als ihre Bedingung vorhergehen und nicht durch synthetische Sätze a priori erkannt und angeschaut werden.
P3. Sie wird aber so erkannt – das hat Argument 3 von §4 begründet.
∴ Die Zeit ist nichts als die subjektive Bedingung, unter der alle Anschauungen in uns stattfinden können. Und deshalb – und nur deshalb – kann die Form der inneren Anschauung vor den Gegenständen, also a priori, vorgestellt werden.
P2 ist dasselbe Scharnier, das im Schluss (a) des Raumabschnitts die Arbeit leistete: Was man vor dem Gegenstand haben kann, kann nicht von dem Gegenstand stammen. Kant verwendet es bewusst erneut; die beiden Abschnitte sind nach demselben Plan gebaut.
Innerer Sinn (engl. inner sense) – die Art, wie das Gemüt sich selbst und seinen inneren Zustand anschaut. Kein sechster Sinn, der auf die Welt gerichtet ist, und keine Introspektion als Hobby: Es ist die bloße Tatsache, dass Ihre Vorstellungen Ihnen in einer Ordnung erscheinen. Während der äußere Sinn Gegenstände außer Ihnen liefert, liefert der innere Sinn Sie selbst, über die Zeit hinweg.
Kants Argument ist hier kurz und negativ. Die Zeit ist keine Bestimmung äußerer Erscheinungen: Sie gehört zu keiner Gestalt, keiner Lage, zu nichts, worauf man zeigen könnte. Was sie bestimmt, ist das Verhältnis der Vorstellungen in unserem inneren Zustande. Also ist sie dessen Form.
Dann folgt einer der meistzitierten Schritte des Buches, und der Grund dafür ist ein Problem: Die innere Anschauung gibt keine Gestalt. Es gibt nichts zu zeichnen. Also, sagt Kant, ersetzen wir diesen Mangel, indem wir eine Gestalt von der äußeren Anschauung borgen – wir stellen die Zeitfolge durch eine ins Unendliche fortgehende Linie vor und lesen die Eigenschaften der Zeit an denen der Linie ab.
Er sagt sorgfältig, wo die Anleihe endet:
Jede Eigenschaft der Linie überträgt sich auf die Zeit, außer der einen, die eine Linie zur Linie macht – dass ihre Teile alle zugleich existieren. Und Kant zieht einen Schluss aus der Anleihe selbst, nicht nur aus dem, was sie liefert: Dass sich alle Verhältnisse der Zeit an einer äußeren Anschauung ausdrücken lassen, ist ein weiterer Beleg dafür, dass die Vorstellung der Zeit selbst Anschauung und nicht Begriff ist. Ein Begriff bräuchte kein Bild.
Dies ist der Schluss ohne Gegenstück im ersten Abschnitt, und er ist der Grund, warum die Zeit, nicht der Raum, den Rest der Kritik trägt.
P1. Der Raum als die reine Form aller äußeren Anschauung ist als Bedingung a priori bloß auf äußere Erscheinungen eingeschränkt.
P2. Alle Vorstellungen aber – sie mögen nun äußere Dinge zum Gegenstande haben oder nicht – gehören doch an sich selbst, als Bestimmungen des Gemüts, zum inneren Zustande.
P3. Der innere Zustand steht unter der formalen Bedingung der inneren Anschauung, und das ist die Zeit.
∴ Die Zeit ist eine Bedingung a priori von aller Erscheinung überhaupt – die unmittelbare Bedingung der inneren Erscheinungen und gerade auf diesem Wege die mittelbare Bedingung auch der äußeren.
| Raum | Zeit | |
|---|---|---|
| Form des | äußeren Sinnes | inneren Sinnes |
| Gilt für | äußere Erscheinungen | alle Erscheinungen |
| Wie | unmittelbar, und nur dort | unmittelbar für innere; mittelbar für äußere, weil jede Wahrnehmung eines äußeren Dinges zugleich ein Zustand Ihres Gemüts ist |
| Entgeht ihr etwas? | ja – ein Gedanke, eine Stimmung, eine Entscheidung ist nirgendwo im Besonderen | nein – es gibt nichts in Ihnen, das nicht in der Zeit ist |
Die Asymmetrie stammt von Kant selbst, in seinen eigenen Worten: Der Raum ist als Bedingung a priori „allein auf äußere Erscheinungen beschränkt“ – im Wortlaut bloß auf äußere Erscheinungen eingeschränkt –, wohingegen „alle Erscheinungen überhaupt, d. i. alle Gegenstände der Sinne, in der Zeit sind und notwendigerweise in Verhältnissen der Zeit stehen“. Die Kurzformel stammt von mir, nicht von ihm: Der Raum hat ein Außerhalb; die Zeit hat keines.
Das ist die These, die die Analytik einlösen wird – ein Vorgriff, nicht Teil von §6. Wenn Kant zeigen will, wie die reinen Verstandesbegriffe überhaupt auf Gegenstände angewandt werden können, ist die Brücke, die er baut, das Schema, und ein Schema wird dort als transzendentale Zeitbestimmung definiert (A138/B177). Es muss die Zeit sein. Die Zeit ist die einzige Form, die alles erreicht.
Der Abschnitt schließt mit demselben Paar, dem der zweite Beitrag beim Raum begegnet ist, und Kant sagt ausdrücklich, dass der Leser zurückblicken soll: Der Schlusssatz verweist auf „die obige Anmerkung des vorigen Abschnitts“, das ist der letzte Absatz der E0-Panels zum Raum.
| These | Was sie ausschließt | |
|---|---|---|
| Empirische Realität | Die Zeit ist objektiv gültig für jeden Gegenstand, der unseren Sinnen jemals gegeben werden kann. Da unsere Anschauung jederzeit sinnlich ist, kann uns in der Erfahrung niemals ein Gegenstand gegeben werden, der nicht unter sie fiele. | Dass die Zeit ein Traum, ein Schein oder eine private Verzerrung sei |
| Transzendentale Idealität | Abstrahiert man von den subjektiven Bedingungen der sinnlichen Anschauung, so ist die Zeit gar nichts – sie kann den Dingen an sich weder subsistierend noch inhärierend beigezählt werden. | Dass die Zeit ein Fluss sei, in dem die Welt treibt, ob jemand da ist oder nicht |
Und wie beim Raum verbaut Kant die naheliegende billige Lesart im Voraus. Diese Idealität darf nicht durch eine Analogie mit der Empfindung veranschaulicht werden – mit der Art, wie eine Farbe oder ein Geschmack „subjektiv“ ist. Solche Analogien setzen voraus, dass die Erscheinung selbst objektive Realität hat und nur ihre sinnlichen Prädikate privat sind. Kants These liegt eine Ebene tiefer, und er verweist den Leser auf dieselbe Warnung im ersten Abschnitt zurück.
Der zweite Beitrag musste warnen, dass die Auflagen im ersten Abschnitt wirklich auseinandergehen: fünf nummerierte Argumente in A gegenüber vier in B, und überhaupt kein §3 im Jahr 1781. Hier mehr davon zu erwarten, wäre ein Fehler.
| A (1781) | B (1787) |
|---|---|
| fünf nummerierte Argumente | dieselben fünf, in derselben Reihenfolge |
| nirgends in der Ästhetik Paragraphennummern | nummeriert §4, §5, §6 |
| – hier nichts – | §5, die transzendentale Erörterung: völlig neu |
| Schlüsse a) b) c) | dieselben drei, in derselben Reihenfolge |
| schließt mit empirischer Realität und transzendentaler Idealität | derselbe Schluss |
Innerhalb der fünf Argumente gibt es genau eine Umformulierung, die sich zu lesen lohnt. In Argument 5 erklärt die Klammer von 1781, dass ein Ganzes nicht durch Begriffe gegeben werden kann, weil bei Begriffen „die Teilvorstellungen vorhergehen“; 1787 ersetzt das durch „denn sie enthalten nur Teilvorstellungen“. Aus einer Behauptung über die Reihenfolge wird eine Behauptung über das Enthaltensein – dieselbe Korrektur, die B am Unendlichkeitsargument des Raumabschnitts vornahm. Alles andere ist Hervorhebung, Zeichensetzung und Rechtschreibung: blos → bloß, so fern → sofern, streiten → bestreiten.
Die sechs Jahre zwischen den Auflagen haben in diesem Abschnitt also einen neuen Absatz und eine gestraffte Klammer hervorgebracht. Kant war nicht der Meinung, dass der zweite Abschnitt gerettet werden musste.
1) Die Zeit ist kein empirischer Begriff, der irgend von einer Erfahrungabgezogen worden. Denn das Zugleichsein oder Aufeinanderfolgenwürde selbst nicht in die Wahrnehmung kommen, wenn die Vorstellungder Zeit nicht a priori zum Grunde läge. Nur unter deren Voraussetzungkann man sich vorstellen: daß einiges zu einer und derselben Zeit (zugleich)oder in verschiedenen Zeiten (nach einander) sei.
2) Die Zeit ist eine nothwendige Vorstellung, die allen Anschauungenzum Grunde liegt. Man kann in Ansehung der Erscheinungen überhauptdie Zeit selbst nicht aufheben, ob man zwar ganz wohl die Erscheinungenaus der Zeit wegnehmen kann. Die Zeit ist also a priori gegeben. In ihrallein ist alle Wirklichkeit der Erscheinungen möglich. Diese können insgesammtwegfallen, aber sie selbst (als die allgemeine Bedingung ihrerMöglichkeit) kann nicht aufgehoben werden.
3) Auf diese Nothwendigkeit a priori gründet sich auch die Möglichkeitapodiktischer Grundsätze von den Verhältnissen der Zeit oder Axiomenvon der Zeit überhaupt. Sie hat nur eine Dimension: verschiedene Zeitensind nicht zugleich, sondern nach einander (so wie verschiedene Räumenicht nach einander, sondern zugleich sind). Diese Grundsätze können ausder Erfahrung nicht gezogen werden, denn diese würde weder strengeAllgemeinheit, noch apodiktische Gewißheit geben. Wir würden nur sagenkönnen: so lehrt es die gemeine Wahrnehmung, nicht aber: so muß es sichverhalten. Diese Grundsätze gelten als Regeln, unter denen überhauptErfahrungen möglich sind, und belehren uns vor derselben und nicht durchdieselbe.
4) Die Zeit ist kein discursiver oder, wie man ihn nennt, allgemeinerBegriff, sondern eine reine Form der sinnlichen Anschauung. VerschiedeneZeiten sind nur Theile eben derselben Zeit. Die Vorstellung, die nurdurch einen einzigen Gegenstand gegeben werden kann, ist aber Anschauung.Auch würde sich der Satz, daß verschiedene Zeiten nicht zugleich seinkönnen, aus einem allgemeinen Begriff nicht herleiten lassen. Der Satzist synthetisch und kann aus Begriffen allein nicht entspringen. Er ist alsoin der Anschauung und Vorstellung der Zeit unmittelbar enthalten.
5) Die Unendlichkeit der Zeit bedeutet nichts weiter, als daß allebestimmte Größe der Zeit nur durch Einschränkungen einer einigen zumGrunde liegenden Zeit möglich sei. Daher muß die ursprüngliche VorstellungZeit als uneingeschränkt gegeben sein. Wovon aber die Theileselbst und jede Größe eines Gegenstandes nur durch Einschränkung bestimmtvorgestellt werden können, da muß die ganze Vorstellung nichtdurch Begriffe gegeben sein (denn da gehen die Theilvorstellungen vorher),sondern es muß ihre unmittelbare Anschauung zum Grunde liegen.
a) Die Zeit ist nicht etwas, was für sich selbst bestände, oder denDingen als objective Bestimmung anhinge, mithin übrig bliebe, wennman von allen subjectiven Bedingungen der Anschauung derselben abstrahirt:denn im ersten Fall würde sie etwas sein, was ohne wirklichenGegenstand dennoch wirklich wäre. Was aber das zweite betrifft, so könntesie als eine den Dingen selbst anhängende Bestimmung oder Ordnungnicht vor den Gegenständen als ihre Bedingung vorhergehen und a prioridurch synthetische Sätze erkannt und angeschaut werden. Dieses letzterefindet dagegen sehr wohl statt, wenn die Zeit nichts als die subjective Bedingungist, unter der alle Anschauungen in uns statt finden können.Denn da kann diese Form der innern Anschauung vor den Gegenständen,mithin a priori vorgestellt werden.
b) Die Zeit ist nichts anders, als die Form des innern Sinnes, d. i.des Anschauens unserer selbst und unsers innern Zustandes. Denn dieZeit kann keine Bestimmung äußerer Erscheinungen sein: sie gehört wederzu einer Gestalt oder Lage etc.; dagegen bestimmt sie das Verhältniß derVorstellungen in unserm innern Zustande. Und eben weil diese innreAnschauung keine Gestalt giebt, suchen wir auch diesen Mangel durchAnalogien zu ersetzen und stellen die Zeitfolge durch eine ins unendlichefortgehende Linie vor, in welcher das Mannigfaltige eine Reihe ausmacht,die nur von einer Dimension ist, und schließen aus den Eigenschaftendieser Linie auf alle Eigenschaften der Zeit außer dem einigen,daß die Theile der erstern zugleich, die der letztern aber jederzeit nacheinander sind. Hieraus erhellt auch, daß die Vorstellung der Zeit selbstAnschauung sei, weil alle ihre Verhältnisse sich an einer äußern Anschauungausdrücken lassen.
c) Die Zeit ist die formale Bedingung a priori aller Erscheinungenüberhaupt. Der Raum als die reine Form aller äußeren Anschauung istals Bedingung a priori blos auf äußere Erscheinungen eingeschränkt.Dagegen weil alle Vorstellungen, sie mögen nun äußere Dinge zum Gegenstandehaben oder nicht, doch an sich selbst als Bestimmungen des Gemüthszum innern Zustande gehören; dieser innere Zustand aber unter der formalenBedingung der innern Anschauung, mithin der Zeit gehört: so istdie Zeit eine Bedingung a priori von aller Erscheinung überhaupt undzwar die unmittelbare Bedingung der inneren (unserer Seelen) und ebendadurch mittelbar auch der äußern Erscheinungen. Wenn ich a priorisagen kann: alle äußere Erscheinungen sind im Raume und nach den Verhältnissendes Raumes a priori bestimmt, so kann ich aus dem Principdes innern Sinnes ganz allgemein sagen: alle Erscheinungen überhaupt,d. i. alle Gegenstände der Sinne, sind in der Zeit und stehen nothwendigerWeise in Verhältnissen der Zeit.Wenn wir von unsrer Art, uns selbst innerlich anzuschauen und vermittelstdieser Anschauung auch alle äußere Anschauungen in der Vorstellungskraftzu befassen, abstrahiren und mithin die Gegenstände nehmen,so wie sie an sich selbst sein mögen, so ist die Zeit Nichts. Sie ist nur vonobjectiver Gültigkeit in Ansehung der Erscheinungen, weil dieses schonDinge sind, die wir als Gegenstände unsrer Sinne annehmen; abersie ist nicht mehr objectiv, wenn man von der Sinnlichkeit unsrer Anschauung,mithin derjenigen Vorstellungsart, welche uns eigenthümlichist, abstrahirt und von Dingen überhaupt redet. Die Zeit ist alsolediglich eine subjective Bedingung unserer (menschlichen) Anschauung(welche jederzeit sinnlich ist, d. i. so fern wir von Gegenständen afficirtwerden) und an sich, außer dem Subjecte, nichts. Nichts desto wenigerist sie in Ansehung aller Erscheinungen, mithin auch aller Dinge, die unsin der Erfahrung vorkommen können, nothwendiger Weise objectiv. Wirkönnen nicht sagen: alle Dinge sind in der Zeit, weil bei dem Begriff derDinge überhaupt von aller Art der Anschauung derselben abstrahirt wird,diese aber die eigentliche Bedingung ist, unter der die Zeit in die Vorstellungder Gegenstände gehört. Wird nun die Bedingung zum Begriffehinzugefügt, und es heißt: alle Dinge als Erscheinungen (Gegenständeder sinnlichen Anschauung) sind in der Zeit, so hat der Grundsatz seinegute objective Richtigkeit und Allgemeinheit a priori.Unsere Behauptungen lehren demnach empirische Realität derZeit, d. i. objective Gültigkeit in Ansehung aller Gegenstände, die jemalsunsern Sinnen gegeben werden mögen. Und da unsere Anschauung jederzeitsinnlich ist, so kann uns in der Erfahrung niemals ein Gegenstandgegeben werden, der nicht unter die Bedingung der Zeit gehörte. Dagegenstreiten wir der Zeit allen Anspruch auf absolute Realität, da sienämlich, auch ohne auf die Form unserer sinnlichen Anschauung Rücksichtzu nehmen, schlechthin den Dingen als Bedingung oder Eigenschaft anhinge.Solche Eigenschaften, die den Dingen an sich zukommen, könnenuns durch die Sinne auch niemals gegeben werden. Hierin besteht alsodie transscendentale Idealität der Zeit, nach welcher sie, wenn manvon den subjectiven Bedingungen der sinnlichen Anschauung abstrahirt,gar nichts ist und den Gegenständen an sich selbst (ohne ihr Verhältnißauf unsere Anschauung) weder subsistirend noch inhärirend beigezähltwerden kann. Doch ist diese Idealität eben so wenig wie die des Raumesmit den Subreptionen der Empfindungen in Vergleichung zu stellen,weil man doch dabei von der Erscheinung selbst, der diese Prädicate inhäriren,voraussetzt, daß sie objective Realität habe, die hier gänzlich wegfällt,außer so fern sie blos empirisch ist, d. i. den Gegenstand selbst blosals Erscheinung ansieht: wovon die obige Anmerkung des ersteren Abschnittsnachzusehen ist.
Die Zeit ist 1) kein empirischer Begriff, der irgend von einer Erfahrungabgezogen worden. Denn das Zugleichsein oder Aufeinanderfolgenwürde selbst nicht in die Wahrnehmung kommen, wenn die Vorstellungder Zeit nicht a priori zum Grunde läge. Nur unter deren Voraussetzungkann man sich vorstellen: daß einiges zu einer und derselben Zeit(zugleich) oder in verschiedenen Zeiten (nach einander) sei.
2) Die Zeit ist eine nothwendige Vorstellung, die allen Anschauungenzum Grunde liegt. Man kann in Ansehung der Erscheinungen überhauptdie Zeit selbst nicht aufheben, ob man zwar ganz wohl die Erscheinungenaus der Zeit wegnehmen kann. Die Zeit ist also a priori gegeben. Inihr allein ist alle Wirklichkeit der Erscheinungen möglich. Diese könneninsgesammt wegfallen, aber sie selbst (als die allgemeine Bedingung ihrerMöglichkeit) kann nicht aufgehoben werden.
3) Auf diese Nothwendigkeit a priori gründet sich auch die Möglichkeitapodiktischer Grundsätze von den Verhältnissen der Zeit oder Axiomenvon der Zeit überhaupt. Sie hat nur Eine Dimension: verschiedene Zeitensind nicht zugleich, sondern nach einander (so wie verschiedene Räumenicht nach einander, sondern zugleich sind). Diese Grundsätze können ausder Erfahrung nicht gezogen werden, denn diese würde weder Strenge Allgemeinheit,noch apodiktische Gewißheit geben. Wir würden nur sagenkönnen: so lehrt es die gemeine Wahrnehmung; nicht aber: so muß es sichverhalten. Diese Grundsätze gelten als Regeln, unter denen überhauptErfahrungen möglich sind, und belehren uns vor derselben und nicht durchdieselbe.
4) Die Zeit ist kein discursiver oder, wie man ihn nennt, allgemeinerBegriff, sondern eine reine Form der sinnlichen Anschauung. VerschiedeneZeiten sind nur Theile eben derselben Zeit. Die Vorstellung, die nurdurch einen einzigen Gegenstand gegeben werden kann, ist aber Anschauung.Auch würde sich der Satz, daß verschiedene Zeiten nicht zugleichsein können, aus einem allgemeinen Begriff nicht herleiten lassen. DerSatz ist synthetisch und kann aus Begriffen allein nicht entspringen. Erist also in der Anschauung und Vorstellung der Zeit unmittelbar enthalten.
5) Die Unendlichkeit der Zeit bedeutet nichts weiter, als daß alle bestimmteGröße der Zeit nur durch Einschränkungen einer einigen zumGrunde liegenden Zeit möglich sei. Daher muß die ursprüngliche VorstellungZeit als uneingeschränkt gegeben sein. Wovon aber die Theileselbst und jede Größe eines Gegenstandes nur durch Einschränkung bestimmtvorgestellt werden können, da muß die ganze Vorstellung nichtdurch Begriffe gegeben sein (denn die enthalten nur Theilvorstellungen),sondern es muß ihnen unmittelbare Anschauung zum Grunde liegen.
Ich kann mich deshalb auf Nr. 3 berufen, wo ich, um kurz zu sein,das, was eigentlich transscendental ist, unter die Artikel der metaphysischenErörterung gesetzt habe. Hier füge ich noch hinzu, daß der Begriffder Veränderung und mit ihm der Begriff der Bewegung (als Veränderungdes Orts) nur durch und in der Zeitvorstellung möglich ist; daß,wenn diese Vorstellung nicht Anschauung (innere) a priori wäre, kein Begriff,welcher es auch sei, die Möglichkeit einer Veränderung, d. i. einerVerbindung contradictorisch entgegengesetzter Prädicate (z. B. das Seinan einem Orte und das Nichtsein eben desselben Dinges an demselbenOrte) in einem und demselben Objecte, begreiflich machen könnte. Nurin der Zeit können beide contradictorisch=entgegengesetzte Bestimmungenin einem Dinge, nämlich nach einander, anzutreffen sein. Also erklärtunser Zeitbegriff die Möglichkeit so vieler synthetischer Erkenntniß a priorials die allgemeine Bewegungslehre, die nicht wenig fruchtbar ist, darlegt.
a) Die Zeit ist nicht etwas, was für sich selbst bestände, oder denDingen als objective Bestimmung anhinge, mithin übrig bliebe, wennman von allen subjectiven Bedingungen der Anschauung derselben abstrahirt:denn im ersten Fall würde sie etwas sein, was ohne wirklichen Gegenstanddennoch wirklich wäre. Was aber das zweite betrifft, so könnte sieals eine den Dingen selbst anhängende Bestimmung oder Ordnung nichtvor den Gegenständen als ihre Bedingung vorhergehen und a priori durchsynthetische Sätze erkannt und angeschaut werden. Dieses letztere findetdagegen sehr wohl statt, wenn die Zeit nichts als die subjective Bedingungist, unter der alle Anschauungen in uns stattfinden können. Denn da kanndiese Form der innern Anschauung vor den Gegenständen, mithin a priorivorgestellt werden.
b) Die Zeit ist nichts anders als die Form des innern Sinnes, d. i.des Anschauens unserer selbst und unseres innern Zustandes. Denn dieZeit kann keine Bestimmung äußerer Erscheinungen sein: sie gehört wederzu einer Gestalt, oder Lage etc.; dagegen bestimmt sie das Verhältniß derVorstellungen in unserm innern Zustande. Und eben weil diese innreAnschauung keine Gestalt giebt, suchen wir auch diesen Mangel durchAnalogien zu ersetzen und stellen die Zeitfolge durch eine ins Unendlichefortgehende Linie vor, in welcher das Mannigfaltige eine Reihe ausmacht,die nur von einer Dimension ist, und schließen aus den Eigenschaften dieserLinie auf alle Eigenschaften der Zeit außer dem einigen, daß dieTheile der erstern zugleich, die der letztern aber jederzeit nach einandersind. Hieraus erhellt auch, daß die Vorstellung der Zeit selbst Anschauungsei, weil alle ihre Verhältnisse sich an einer äußern Anschauung ausdrückenlassen.
c) Die Zeit ist die formale Bedingung a priori aller Erscheinungenüberhaupt. Der Raum als die reine Form aller äußeren Anschauungist als Bedingung a priori bloß auf äußere Erscheinungen eingeschränkt.Dagegen weil alle Vorstellungen, sie mögen nun äußere Dinge zum Gegenstandehaben oder nicht, doch an sich selbst, als Bestimmungen desGemüths, zum innern Zustande gehören; dieser innere Zustand aberunter der formalen Bedingung der innern Anschauung, mithin der Zeitgehört: so ist die Zeit eine Bedingung a priori von aller Erscheinung überhauptund zwar die unmittelbare Bedingung der inneren (unserer Seelen)und eben dadurch mittelbar auch der äußern Erscheinungen. Wenn icha priori sagen kann: alle äußere Erscheinungen sind im Raume und nachden Verhältnissen des Raumes a priori bestimmt, so kann ich aus demPrincip des innern Sinnes ganz allgemein sagen: alle Erscheinungenüberhaupt, d. i. alle Gegenstände der Sinne, sind in der Zeit und stehennothwendiger Weise in Verhältnissen der Zeit.Wenn wir von unsrer Art, uns selbst innerlich anzuschauen und vermittelstdieser Anschauung auch alle äußere Anschauungen in der Vorstellungskraftzu befassen, abstrahiren und mithin die Gegenstände nehmen,so wie sie an sich selbst sein mögen, so ist die Zeit nichts. Sie istnur von objectiver Gültigkeit in Ansehung der Erscheinungen, weil diesesschon Dinge sind, die wir als Gegenstände unsrer Sinne annehmen;aber sie ist nicht mehr objectiv, wenn man von der Sinnlichkeit unsrerAnschauung, mithin derjenigen Vorstellungsart, welche uns eigenthümlichist, abstrahirt und von Dingen überhaupt redet. Die Zeit ist alsolediglich eine subjective Bedingung unserer (menschlichen) Anschauung(welche jederzeit sinnlich ist, d. i. sofern wir von Gegenständen afficirtwerden) und an sich, außer dem Subjecte, nichts. Nichts desto wenigerist sie in Ansehung aller Erscheinungen, mithin auch aller Dinge, die unsin der Erfahrung vorkommen können, nothwendiger Weise objectiv. Wirkönnen nicht sagen: alle Dinge sind in der Zeit, weil bei dem Begriff derDinge überhaupt von aller Art der Anschauung derselben abstrahirt wird,dieser aber die eigentliche Bedingung ist, unter der die Zeit in die Vorstellungder Gegenstände gehört. Wird nun die Bedingung zum Begriffehinzugefügt, und es heißt: alle Dinge als Erscheinungen (Gegenständeder sinnlichen Anschauung) sind in der Zeit, so hat der Grundsatz seinegute objective Richtigkeit und Allgemeinheit a priori.Unsere Behauptungen lehren demnach empirische Realität derZeit, d. i. objective Gültigkeit in Ansehung aller Gegenstände, die jemalsunsern Sinnen gegeben werden mögen. Und da unsere Anschauung jederzeitsinnlich ist, so kann uns in der Erfahrung niemals ein Gegenstandgegeben werden, der nicht unter die Bedingung der Zeit gehörte. Dagegenbestreiten wir der Zeit allen Anspruch auf absolute Realität, da sienämlich, auch ohne auf die Form unserer sinnlichen Anschauung Rücksichtzu nehmen, schlechthin den Dingen als Bedingung oder Eigenschaft anhinge.Solche Eigenschaften, die den Dingen an sich zukommen, könnenuns durch die Sinne auch niemals gegeben werden. Hierin besteht alsodie transscendentale Idealität der Zeit, nach welcher sie, wenn manvon den subjectiven Bedingungen der sinnlichen Anschauung abstrahirt,gar nichts ist und den Gegenständen an sich selbst (ohne ihr Verhältnißauf unsere Anschauung) weder subsistirend noch inhärirend beigezähltwerden kann. Doch ist diese Idealität eben so wenig wie die des Raumesmit den Subreptionen der Empfindungen in Vergleichung zu stellen, weilman doch dabei von der Erscheinung selbst, der diese Prädicate inhäriren,voraussetzt, daß sie objective Realität habe, die hier gänzlich wegfällt,außer sofern sie bloß empirisch ist, d. i. den Gegenstand selbst bloß alsErscheinung ansieht: wovon die obige Anmerkung des ersteren Abschnittsnachzusehen ist.
1. Time is not an empirical concept that has beenderived from any experience. For neither coexistence norsuccession would ever come within our perception, if the repre-sentation of time were not presupposed as underlying thema priori. Only on the presupposition of time can we representto ourselves a number of things as existing at one and thesame time (simultaneously) or at different times (successively).
2. Time is a necessary representation that underlies allintuitions. We cannot, in respect of appearances in general,remove time itself, though we can quite well think time as voidof appearances. Time is, therefore, given a priori. In it aloneis actuality of appearances possible at all. Appearances may,one and all, vanish; but time (as the universal condition oftheir possibility) cannot itself be removed.
3. The possibility of apodeictic principles concerning therelations of time, or of axioms of time in general, is alsogrounded upon this a priori necessity. Time has only onedimension; different times are not simultaneous but successive(just as different spaces are not successive but simultaneous).These principles cannot be derived from experience, for ex-perience would give neither strict universality nor apodeicticcertainty. We should only be able to say that common experi-ence teaches us that it is so; not that it must be so. Theseprinciples are valid as rules under which alone experiences arepossible; and they instruct us in regard to the experiences,not by means of them.
4. Time is not a discursive, or what is called a general con-cept, but a pure form of sensible intuition. Different times arebut parts of one and the same time; and the representationwhich can be given only through a single object is intuition.Moreover, the proposition that different times cannot besimultaneous is not to be derived from a general concept.The proposition is synthetic, and cannot have its origin inconcepts alone. It is immediately contained in the intuitionand representation of time.
5. The infinitude of time signifies nothing more than thatevery determinate magnitude of time is possible only throughlimitations of one single time that underlies it. The originalrepresentation, time, must therefore be given as unlimited.But when an object is so given that its parts, and every quan-tity of it, can be determinately represented only throughlimitation, the whole representation cannot be given throughconcepts, since they contain only partial representations; onthe contrary, such concepts must themselves rest on immediateintuition.
I may here refer to No. 3, where, for the sake of brevity,I have placed under the title of metaphysical exposition whatis properly transcendental. Here I may add that the conceptof alteration, and with it the concept of motion, as alterationof place, is possible only through and in the representationof time; and that if this representation were not an a priori(inner) intuition, no concept, no matter what it might be, couldrender comprehensible the possibility of an alteration, that is,of a combination of contradictorily opposed predicates in oneand the same object, for instance, the being and the not-beingof one and the same thing in one and the same place. Only intime can two contradictorily opposed predicates meet in oneand the same object, namely, one after the other. Thus ourconcept of time explains the possibility of that body ofa priori synthetic knowledge which is exhibited in the general doc-trine of motion, and which is by no means unfruitful.
(a) Time is not something which exists of itself, or whichinheres in things as an objective determination, and it doesnot, therefore, remain when abstraction is made of all sub-jective conditions of its intuition. Were it self-subsistent, itwould be something which would be actual and yet not anactual object. Were it a determination or order inhering inthings themselves, it could not precede the objects as theircondition, and be known and intuited a priori by means ofsynthetic propositions. But this last is quite possible if timeis nothing but the subjective condition under which aloneintuition can take place in us. For that being so, this formof inner intuition can be represented prior to the objects, andtherefore a priori.
(b) Time is nothing but the form of inner sense, that is, ofthe intuition of ourselves and of our inner state. It cannot be adetermination of outer appearances; it has to do neither withshape nor position, but with the relation of representations inour inner state. And just because this inner intuition yields noshape, we endeavour to make up for this want by analogies.We represent the time-sequence by a line progressing to in-finity, in which the manifold constitutes a series of one dimen-sion only; and we reason from the properties of this line to allthe properties of time, with this one exception, that while theparts of the line are simultaneous the parts of time are alwayssuccessive. From this fact also, that all the relations of timeallow of being expressed in an outer intuition, it is evident thatthe representation is itself an intuition.
(c) Time is the formal a priori condition of all appearanceswhatsoever. Space, as the pure form of all outer intuition, is sofar limited; it serves as the a priori condition only of outerappearances. But since all representations, whether they havefor their objects outer things or not, belong, in themselves, asdeterminations of the mind, to our inner state; and since thisinner state stands under the formal condition of inner intui-tion, and so belongs to time, time is an a priori condition ofall appearance whatsoever. It is the immediate condition ofinner appearances (of our souls), and thereby the mediate con-dition of outer appearances. Just as I can say a priorithat all outer appearances are in space, and are determineda priori in conformity with the relations of space, I can also say, fromthe principle of inner sense, that all appearances whatsoever,that is, all objects of the senses, are in time, and necessarilystand in time-relations.If we abstract from our mode of inwardly intuiting our-selves — the mode of intuition in terms of which we likewisetake up into our faculty of representation all outer intuitions —and so take objects as they may be in themselves, then time isnothing. It has objective validity only in respect of appear-ances, these being things which we take as objects of oursenses. It is no longer objective, if we abstract from the sensi-bility of our intuition, that is, from that mode of representationwhich is peculiar to us, and speak of things in general. Time istherefore a purely subjective condition of our (human) intuition(which is always sensible, that is, so far as we are affected byobjects), and in itself, apart from the subject, is nothing.Nevertheless, in respect of all appearances, and therefore ofall the things which can enter into our experience, it is neces-sarily objective. We cannot say that all things are in time, be-cause in this concept of things in general we are abstractingfrom every mode of their intuition and therefore from thatcondition under which alone objects can be represented asbeing in time. If, however, the condition be added to theconcept, and we say that all things as appearances, that is, asobjects of sensible intuition, are in time, then the propositionhas legitimate objective validity and universality a priori.What we are maintaining is, therefore, the empirical realityof time, that is, its objective validity in respect of allobjects which allow of ever being given to our senses. Andsince our intuition is always sensible, no object can ever begiven to us in experience which does not conform to thecondition of time. On the other hand, we deny to time allclaim to absolute reality; that is to say, we deny that it belongsto things absolutely, as their condition or property, independ-ently of any reference to the form of our sensible intuition;properties that belong to things in themselves can never begiven to us through the senses. This, then, is what constitutesthe transcendental ideality of time. What we mean by thisphrase is that if we abstract from the subjective conditions ofsensible intuition, time is nothing, and cannot be ascribed tothe objects in themselves (apart from their relation to our in-tuition) in the way either of subsistence or of inherence. Thisideality, like that of space, must not, however, be illustratedby false analogies with sensation, because it is then assumedthat the appearance, in which the sensible predicates inhere,itself has objective reality. In the case of time, such objectivereality falls entirely away, save in so far as it is merely empir-ical, that is, save in so far as we regard the object itself merelyas appearance. On this subject, the reader may refer to whathas been said at the close of the preceding section.



